Kreislaufwirtschaft ist längst mehr als eine gute Idee – sie funktioniert bereits.

Um zehn Uhr betritt Moderatorin und Nachhaltigkeitsberaterin Britta Seidl-Bowe mit einem Ordner unter dem Arm die Bühne. Der Inhalt: die Kreislaufwirtschaftsstrategie des Bundes. „Statt das jetzt alles vorzulesen, wollen wir heute gemeinsam auf Seite 162 anfangen. Mit der Frage: Wie kommen wir denn von der Umsetzung in die Praxis?“ Eine Patentantwort darauf gibt es nicht. Dafür zeigen die folgenden Vorträge und Diskussionen, was bereits möglich ist: konkrete Ansätze, neue Geschäftsmodelle und Praxisbeispiele aus der gelebten Kreislaufwirtschaft.
Katharina Istel, Referentin für Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung beim NABU, ist die erste Referentin des Tages. Sie ist überzeugt: Recycling allein wird die Zirkularitätsrate nicht auf das nötige Niveau heben. Gefragt sind Ökodesign und eine stärkere Abfallvermeidung. Weil das zunächst teurer ist, braucht es Regelungen wie die Erweiterte Herstellerverantwortung (EPR). Außerdem müssten neue Wertstoffquellen erschlossen und bestehende Stoffströme sauberer werden – etwa beim Gelben Sack. Ihre Bilanz: Es passiert etwas, aber noch nicht genug.
Wie Kreislaufwirtschaft im großen Maßstab schon heute funktioniert, zeigt anschließend Dr. Knut Johannsen, Zweiter Vorstandsvorsitzender der RAL Gütegemeinschaft Aufbereitung und Lagerung von Ausbauasphalt e.V. „Die Asphaltbranche ist Weltmeister im Recycling“, sagt er. Eine neue Straße besteht heute zu 50 bis 60 Prozent aus Material der alten, technisch möglich wären bis zu 85 Prozent. Der Wiedereinsatz spart Kosten und sorgt für Versorgungssicherheit. Warum wird trotzdem nicht mehr recycelt? Laut Johannsen fehlt es vor allem an Vertrauen. „Kreislaufwirtschaft ist gewollt, aber nicht bestellt.“ In vielen öffentlichen Ausschreibungen ist die Zugabe von Asphaltgranulat nicht erlaubt. Genau hier setzt die RAL Gütegemeinschaft an: Durch unabhängige Fremdüberwachung soll Vertrauen dort entstehen, wo Auftraggeber die Qualität des Sekundärrohstoffs nicht selbst prüfen können. „RAL steht dafür, etwas nachgewiesenermaßen richtig zu tun.“
Lewin Fricke von der TRIQBRIQ AG zeigt anschließend, wie Kreislaufwirtschaft im Bausektor aussehen kann. Das Unternehmen entwickelt Bausteine aus Holz, die nur mit Holzdübeln miteinander verbunden werden. Sie lassen sich zudem wieder auseinandernehmen und erneut verwenden. Auch Rest- und Altholz kann so genutzt werden. Wie gut das Konzept funktioniert, zeigen Projekte im mehrgeschossigen Massivholzbau ebenso wie der Gewinn des Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2025. Bei vielen Teilnehmenden blieb ein Bild hängen: Klemmbausteine gibt es inzwischen auch aus Holz – und mit ihnen lassen sich ganze Häuser bauen.
RAL Gütezeichen als Brücke zwischen Anspruch und Praxis
Anschließend stellt RAL Geschäftsführer Christoph Eßer-Ayertey exemplarisch vor, wie RAL Gütezeichen die Kreislaufwirtschaft jetzt schon unterstützen . Bereits seit über 100 Jahren sind RAL Gütezeichen ein Instrument zur Selbstregulierung der Wirtschaft – das in der Regel weit über gesetzliche Vorschriften hinausgeht. Das EmpCo-konforme Kennzeichnungssystem bietet Unternehmen die Chance, Regelwerke und Standards für eine echte Kreislaufwirtschaft zu implementieren.
An der anschließenden Panel-Diskussion nehmen neben den Keynote-Speaker:innen noch RAL Hauptgeschäftsführer Rüdiger Wollmann und Cornelius Laaser vom Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr NRW teil. Unter Beteiligung des Publikums online und vor Ort entsteht eine rege Diskussion. Kreislaufwirtschaft braucht den Mut, „einfach mal zu machen“ und der Appell geht auch an die Politik. Aber: „Der Staat ist kein Start-up“, betont Cornelius Laaser, und der Umgang mit öffentlichen Geldern bringt eine große Verantwortung mit sich. Unternehmen wiederum brauchen Verlässlichkeit, Wirtschaftlichkeit und Hürden, die nicht zu groß sind.
Am Ende des Tages bleibt hängen: Kreislaufwirtschaft ist längst mehr als reine Theorie oder gute Idee und wird z. B. beim Bau von Straßen oder Massivholzhäusern schon erfolgreich umgesetzt. Aber es wäre noch viel mehr möglich. Damit aus guten Ansätzen breitere Praxis wird, braucht es verlässliche Rahmenbedingungen, Vertrauen und den Mut, neue Wege auszuprobieren.
„Wir freuen uns, dass das RAL Forum erneut für einen spannenden Austausch zum Thema Kreislaufwirtschaft gesorgt hat“, so RAL Hauptgeschäftsführer Rüdiger Wollmann. „Mein Fazit des Tages: Gute Ideen gibt es viele, aber damit sie sich durchsetzen, brauchen sie Vertrauen. Und Vertrauen entsteht, wenn Qualität nachgewiesen ist. Genau dafür stehen RAL Gütezeichen.“
Alle Interessierten finden hier die Aufzeichnung der Veranstaltung: https://www.youtube.com/playlist?list=PLHiH2lyKzjqs



